Die Gemminger Schule     In vielen reichsritterschaftlichen Dörfern befand sich das Schulwesen über  Jahrhunderte hinweg in einem beklagenswerten Zustand - in Gemmingen  jedoch nicht! Wolf von Gemmingen wird heute zugeschrieben, er habe bereits  1521 mit der Gründung einer Lateinschule die Möglichkeit geschaffen, die  Söhne des Adels und wohlhabenden Bürgertums im Kraichgau und darüber  hinaus auf ein späteres Studium an einer Universität vorzubereiten.  Unterrichtssprache war Latein; unterrichtet wurden die Fächer Grammatik,  Rhetorik, Dialektik und auch Griechisch. Zum ersten Rektor der Gemminger  Lateinschule soll Bernhard Griebler ernannt worden sein, der seit 1513 die  von Pleikard von Gemmingen gestiftete Prädikatur (Predigerstelle) an der  Gemminger Kirche inne hatte.     Urkundlich belegt ist die Einrichtung der Lateinschule 1521 nicht. Es gibt  sogar Hinweise, dass die Schule ‘in den finstern Zeiten des  Papsttums’, also schon vor 1517, bestand. Gegen 1530  übernahm der Prädikant Johannes Walz, der bereits in  Schwäbisch Hall eine Lateinschule mitgegründet hatte, die  Leitung der Schule. Sein Ruf als Prediger ans Ulmer  Münster machte 1532 den Weg frei für den Reformator  Franziscus Irenicus (Franz Fritz oder  Friedlieb), der in den Diensten des  Markgrafen von Baden gestanden hatte  und nun die Predigerstelle und Leitung  der Gemminger Lateinschule übernahm.  Wolfgang Buss aus Gernsbach, der  schon 1531 die Hauptpfarrerstelle über-  tragen bekommen hatte, unterrichtete  an dieser Schule ebenfalls.   Griebler, Walz, Buss und Irenicus waren damals bekannt  und hoch angesehene Vertreter der Reformation.     Mit Irenicus als Rektor erlebte die junge Gemminger Lateinschule einen ersten glanzvollen Höhepunkt.  Wolfgang von Dalberg, später als Erzbischof von Mainz Kurfürst und Kanzler des Reiches wie auch David  Chytraeus (Kochhaf) aus Menzingen, als Theologe führender Kopf der Spätreformation sowie fünfmaliger  Rektor der Universität Rostock, waren ihre berühmtesten und bedeutendsten Schüler.    Der Niedergang und die Schließung der Schule erfolgte rund 100 Jahre später vermutlich mit dem Tod des  letzten Gemminger Prädikanten Georg Hartmann 1635 in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Ob Wolf von  Gemmingen neben der Lateinschule auch eine ‘Volksschule’ eingerichtet hat, ist nicht bewiesen. Die Kinder  seiner Untertanen dürften aber - wie es in anderen Kraichgaudörfern auch üblich war - zeitweise von einem  Geistlichen oder dem Mesner unterrichtet worden sein. Die Verbreitung von Schriftgut durch die Erfindung des  Buchdrucks, Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche, das elementare Anliegen der Reformation, Menschen zu  bilden, damit sie die Bibel selbst lesen und verstehen konnten und letztlich die Einsicht, die Kulturtechniken  Schreiben, Lesen und Rechnen in einer von Umbrüchen gekennzeichneten Zeit erlernen zu müssen, wenn man  nicht hoffnungslos zurückbleiben wollte, waren Beweggründe genug,  um Schulen einzurichten.       Wie überall ging das allgemeine Schulwesen aus kirchlichen  Ursprüngen hervor und blieb lange Zeit ein Anhängsel der  Geistlichkeit. Das Schulmeisteramt entwickelte sich aus dem  Aufgabenbereich des Pfarrers; er hatte die Kinder zu unterweisen.  Nach und nach übertrug der Pfarrer diese Pflicht seinem Gehilfen,  dem Mesner, den man schließlich als Schuldiener und nach der  Verselbstständigung des Berufes als Schulmeister bezeichnete. Ihm  verblieben nach seiner Einsetzung durch die Ortsherrschaft neben  seiner unterrichtlichen Tätigkeit kirchliche Hilfsdienste wie das  Glockenläuten oder das Orgelspielen. Vor Ort übte der Pfarrer die  Schulaufsicht aus, gleichzeitig war er unmittelbarer Vorgesetzter des  Schulmeisters.      In vielen Landgemeinden darbten die Schulmeister in großer Not, aber auch hier bildete Gemmingen eine  Ausnahme, denn die Ein-  nahmen aus den Pfründen, die der untergegangenen Lateinschule ursprünglich  zustanden, wurden der ‘Volksschule’ zugewiesen. Dazu gehörten auch eine Zeitlang Einnahmen aus den  Zehnten zu Richen und zu Stebbach, denn die Kinder beider Ortschaften gingen nach dem 30jährigen Krieg in  Gemmingen zur Schule. Die Schulmeister dürften dadurch, wenn auch kein hohes, so doch ein  zufriedenstellendes Einkommen gehabt haben. Trotzdem mussten die Schulmeister neben ihrer pädagogischen  Tätigkeit oftmals noch eine kleine Landwirtschaft betreiben, um über die Runden zu kommen. Darum, aber  auch weil die Kinder vom Frühjahr bis in den Herbst hinein von früh bis spät bei der harten Feldarbeit und der  Ernte helfen mussten, fand der Unterricht für sie nur im Winter statt.     Im 19. Jahrhundert wurde das Schulwesen reformiert und der staatlichen Aufsicht unterstellt. Die Einführung  der Schulpflicht machte den regelmäßigen Besuch des Unterrichts erforderlich. Lehrpläne beschrieben nun,  was die Schüler lernen sollten. Regelmäßige Schulvisitationen durch die Obrigkeit sorgten für eine Steigerung  des Niveaus.     Heute besuchen Kinder aus Gemmingen, Stebbach und einigen umliegenden Dörfern die mittlerweile nach  ihrem vermeintlichen Stifter benannte Wolf-von-Gemmingen-Schule. Die konstant gute, konsequente und an  den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierte Bildungsarbeit der letzten Jahre verhalf der Schule zu einem  guten Ruf über die Ortsgrenzen hinaus.   David Chytraeus, 1537-1539 Schüler an der Gemminger Lateinschule Wolfgang von Dalberg, ehemaliger Schüler an der Gemminger Lateinschule Altes Schulhaus vom Kirchturm herab fotografiert (ca. 1965)