Die Herren von Gemmingen   Die Freiherren von Gemmingen sind ein altes, reichsunmittelbares  Rittergeschlecht, das vermutlich aus dem Ministerialadel hervorging und sich  nach dem Ort Gemmingen benannte. Die zunächst unfreien Angehörigen  dieser Schicht entstammten dem Bauernstand und erwarben sich als tüchtige  und loyale Amtleute oder Verwalter von Gütern des überregionalen Adels  Verdienste in einer besonderen Funktion. Im 12. Jahrhundert wurden sie  sogar lehnsfähig, erhielten vorerst nicht vererbbare Dienstlehen und leisteten  dafür ritterliche Dienste. In Ausübung ihrer Amtspflichten entfernten sich die  Ministerialen mehr und mehr von ihrem bäuerlichen Ursprung. Mit dem  zunehmenden Bedarf an Verwaltungs-, Hof- und Kriegsdiensten sowie mit der  Festlegung ihrer Rechte und Pflichten verschwanden die letzten Reste der  Unfreiheit; der Ministerialadel bildete schließlich mit den Angehörigen des  Hochadels die Ritterschaft.    Die in Gemmingen mit der Ausübung der vogteilichen Rechte betrauten  Ministerialen übernahmen im Auftrag ihres hochadeligen Herrn Aufgaben in  der Verwaltung des Besitzes, zogen Steuern und Abgaben ein, hielten Gericht  und ahndeten Vergehen. Aus dieser Position heraus bildete sich das  ritteradelige Geschlecht der Freiherren von Gemmingen.           Erster sicherer Vertreter der Familie  ist Hans von Gemmingen, der 1259 als  kaiserlicher Landvogt in Sinsheim  amtierte und reich begütert gewesen  sein soll. Er gilt als Stammvater aller  heute lebenden ‘von Gemmingen’ und  soll bereits um 1235 das ‘Mittlere  Schloss’ bewohnt haben.     Reste des Gebäudes entdeckte man  bei der Fundamentlegung des alten  Gemminger Rathauses im Jahr 1900.     Dieter, genannt von Hofen, ließ ab  1274 das ‘Obere Schloss’ erbauen,  nachdem sein älterer Bruder Albrecht  die Stammburg, also das ‘Mittlere  Schloss’, als Erbe erhalten hatte. Swicker (Schweikhard, Schweiker), sein  jüngerer Bruder, gilt als Bauherr des ‘Unteren Schlosses’. Als Wasserburg  angelegt und mehrfach um- und überbaut (zuletzt 1592), steht es noch heute  an seiner ursprünglichen Stelle.       Jedem Schloss waren Häuser und Höfe mit Äckern, Wiesen und Weingärten  abgabenpflichtig sowie ein Stück des Waldes zugeteilt. Die Aufrechterhaltung  der öffentlichen Ordnung in Dorf und Flur blieb eine gemeinsame Aufgabe.     1497 wurde den Herren von Gemmingen eine besondere Gunst zuteil.  Kaiser Maximillian verlieh ihnen das Recht, ein ‘Halß- und Hochgericht, Stock  und Galgen’ errichten zu dürfen. Damit erhielten die Herren von Gemmingen das Recht, über Raub, Mord,  Diebstahl, Notzucht, Hexerei und weitere schwere Verbrechen richten zu lassen. Höchststrafen waren die  Verstümmelung, die Hinrichtung durch Erhängen am Galgen, die Enthauptung mit dem Beil oder die  Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Die Todesstrafe wurde in Gemmingen tatsächlich mehrmals vollstreckt.        Trotz dieses hohen Rechts hatten die Herren von Gemmingen nicht die volle Souveränität über ihr Gebiet.  Das Geleit, also das Recht über die Nutzung der Straßen und Wege, lag bei Württemberg und der Kurpfalz, die  hier Zoll erhoben. Die rechtlichen Verhältnisse in einem reichsritterschaftlichen Dorf wie Gemmingen waren  häufig kompliziert und nicht einfach zu durchschauen. Das hielt die Herren von Gemmingen nicht davon ab, ihr  Eigentum zu veräußern oder ihre Schlösser mächtigeren Herren zu Lehen aufzutragen, um dafür ein nettes  Sümmchen zu kassieren. So wurden im Lauf der Jahrhunderte mit vielen Territorialfürsten Verträge über Kauf  und Rückkauf Gemminger Liegenschaften abgeschlossen; die Reichsunmittelbarkeit des Dorfes und des  Rittergeschlechts als ‘nur Gott und dem Kaiser untertan’ wurde dadurch aber nicht angetastet.    Mitte des 16. Jahrhunderts hatte die Linie Gemmingen-Guttenberg alle drei Schlösser samt Zugehör in ihren  Besitz gebracht und war nun alleiniger Herr im Dorf. 1664 verkaufte Hans Rudolf von Gemmingen das ‘Obere  Schloss’ samt 3/8 der Ortsherrschaft für 10.000 Gulden an Herzog Eberhard III. von Württemberg, dessen  Nachfolger diesen Anteil 1710 den Herren von Neipperg zu Lehen gab. Der Zustand der zweigeteilten  Ortsherrschaft (Kondominat) dauerte bis zum Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im  Jahre 1806. Durch die Abdankung des Kaisers verloren die Reichsritter ihren Schutzherrn, und ihre  Besitzungen waren nun dem Zugriff mächtigerer Fürsten ausgeliefert. Mit der Mediatisierung der reichsritter-   schaftlichen Gebiete im Kraichgau durch Baden und Württemberg mussten sich die Herren von Gemmingen  erstmals einem Landesherrn unterstellen und nahezu alle ihre Souveränitätsrechte abgeben. Bis dahin gehörte  Gemmingen dem Ritterkanton Kraichgau an; erst seit 1806 ist es badisch. Die Herren von Gemmingen  verloren ihren Status der Reichsunmittelbarkeit und mussten die Oberhoheit des Großherzogs von Baden über  ihre seitherigen Gebiete anerkennen.  Die Reichsritterschaft war ein Zusammenschluss des überwiegend aus der Ministerialität  hervorgegangenen Adels in Süd- und Westdeutschland, der die alleinige, also unmittelbare  Unterordnung unter Kaiser und Reich bewahren konnte. Die Territorialstaatlichkeit ihrer  Mitglieder wurde 1559 vom Kaiser anerkannt. Die Reichsritter gehörten dem niederen Adel  an und hatten auf den Reichstagen weder Sitz noch Stimme. Um ihre gemeinsamen  Interessen besser vertreten zu können, schlossen sich die Kraichgauer Ritterfamilien im  ‘Ritterkanton Kraichgau’ zusammen. Zu Landesfürsten wie dem Kurfürsten von der Pfalz,  dem Markgrafen von Baden oder dem Herzog von Württemberg standen sie in vielfältigen  Lehns- und Dienstbeziehungen. Mitgliedern der Reichsritterschaft gelang sogar der Aufstieg  in höchste Ämter. Uriel von Gemmingen (1468-1514) wurde 1508 zum Erzbischof von Mainz gewählt. Damit  war er Reichsfürst und zugleich einer der sieben Kurfürsten, die den König wählen durften. Darüber hinaus war  das Amt des Mainzer Erzbischofs verbunden mit dem des Reichs-Erzkanzlers; Uriel von Gemmingen war so  nach dem Kaiser zweiter Mann im Staat.  (Unteres) Schloss in Gemmingen mit 'Hexenturm' ca. 1960 Uriel von Gemmingen, Erzbischof des Erzbistums Mainz 1508-1514 Lage der Gemminger Schlösser