Die Herren von Gemmingen   Die Freiherren von Gemmingen sind ein altes, reichsunmittelbares Ritter-  geschlecht, das vermutlich aus dem Ministerialadel hervorging und sich nach  dem Ort Gemmingen benannte. Die zunächst unfreien Angehörigen dieser  Schicht entstammten dem Bauernstand und erwarben sich als tüchtige und  loyale Amtleute oder Verwalter von Gütern des überregionalen Adels Ver-  dienste in einer besonderen Funktion. Im 12. Jahrhundert wurden sie sogar  lehnsfähig, erhielten vorerst nicht vererbbare Dienstlehen und leisteten dafür  ritterliche Dienste. In Ausübung ihrer Amtspflichten entfernten sich die  Ministerialen mehr und mehr von ihrem bäuerlichen Ursprung. Mit dem  zunehmenden Bedarf an Verwaltungs-, Hof- und Kriegsdiensten sowie mit der  Festlegung ihrer Rechte und Pflichten verschwanden die letzten Reste der  Unfreiheit; der Ministerialadel bildete schließlich mit den Angehörigen des  Hochadels die Ritterschaft.   Die in Gemmingen mit der Ausübung der vogteilichen Rechte betrauten  Ministerialen übernahmen im Auftrag ihres hochadeligen Herrn Aufgaben in  der Verwaltung des Besitzes, zogen Steuern und Abgaben ein, hielten Gericht  und ahndeten Vergehen. Aus dieser Position heraus bildete sich das  ritteradelige Geschlecht der Freiherren von Gemmingen.        Erster Vertreter der Familie, allerdings  urkundlich nicht nachgewiesen, soll  Hans von Gemmingen gewesen sein. Er  habe Mitte des 13. Jahrhunderts als  kaiserlicher Landvogt in Sinsheim am-  tiert und das ‘Mittlere Schloss’ in  Gemmingen besessen.   Reste des Gebäudes entdeckte man bei  der Fundamentlegung des alten Gem-  minger Rathauses im Jahr 1900.    Dieter, genannt von Hoven, urkundlich  ebenfalls nicht nachgewiesen, soll in  der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts  das ‘Obere Schloss’ erbaut haben,  nachdem sein älterer Bruder Albrecht,  nachgewiesen 1275, die Stammburg, das ‘Mittlere Schloss’, als Erbe erhalten  hatte. Swicker (Schweikhard, Schweiker), nachgewiesen 1283, sein jüngerer  Bruder, gilt als Bauherr des ‘Unteren Schlosses’. Als Wasserburg angelegt und  mehrfach um- und überbaut (zuletzt 1592), steht es noch heute an seiner  ursprünglichen Stelle.       Jedem Schloss waren Häuser und Höfe mit Äckern, Wiesen und Weingärten  abgabenpflichtig sowie ein Stück des Waldes zugeteilt. Die Aufrechterhaltung  der öffentlichen Ordnung in Dorf und Flur blieb eine gemeinsame Aufgabe.     1497 wurde den Herren von Gemmingen eine besondere Gunst zuteil.  Kaiser Maximillian verlieh ihnen das Recht, ein ‘Halß- und Hochgericht, Stock und Galgen’ errichten zu dürfen.  Damit erhielten die Herren von Gemmingen das Recht, über Raub, Mord, Diebstahl, Notzucht, Hexerei und  weitere schwere Verbrechen richten zu lassen. Höchststrafen waren die Verstümmelung, die Hinrichtung durch  Erhängen am Galgen, die Enthauptung mit dem Beil oder die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Die  Todesstrafe wurde in Gemmingen tatsächlich mehrmals vollstreckt.        Trotz dieses hohen Rechts hatten die Herren von Gemmingen nicht die volle Souveränität über ihr Gebiet.  Das Geleit, also das Recht über die Nutzung der Straßen und Wege, lag bei Württemberg und der Kurpfalz, die  hier Zoll erhoben. Die rechtlichen Verhältnisse in einem reichsritterschaftlichen Dorf wie Gemmingen waren  häufig kompliziert und nicht einfach zu durchschauen. Das hielt die Herren von Gemmingen nicht davon ab, ihr  Eigentum zu veräußern oder ihre Schlösser mächtigeren Herren zu Lehen aufzutragen, um dafür ein nettes  Sümmchen zu kassieren. So wurden im Lauf der Jahrhunderte mit vielen Territorialfürsten Verträge über Kauf  und Rückkauf Gemminger Liegenschaften abgeschlossen; die Reichsunmittelbarkeit des Dorfes und des  Rittergeschlechts als ‘nur Gott und dem Kaiser untertan’ wurde dadurch aber nicht angetastet.    Mitte des 16. Jahrhunderts hatte die Linie Gemmingen-Guttenberg alle drei Schlösser samt Zugehör in ihren  Besitz gebracht und war nun alleiniger Herr im Dorf. 1664 verkaufte Hans Rudolf von Gemmingen das ‘Obere  Schloss’ samt 3/8 der Ortsherrschaft für 10.000 Gulden an Herzog Eberhard III. von Württemberg, dessen  Nachfolger diesen Anteil 1710 den Herren von Neipperg zu Lehen gab. Der Zustand der zweigeteilten  Ortsherrschaft (Kondominat) dauerte bis zum Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im  Jahre 1806. Durch die Abdankung des Kaisers verloren die Reichsritter ihren Schutzherrn, und ihre  Besitzungen waren nun dem Zugriff mächtigerer Fürsten ausgeliefert. Mit der Mediatisierung der reichsritter-   schaftlichen Gebiete im Kraichgau durch Baden und Württemberg mussten sich die Herren von Gemmingen  erstmals einem Landesherrn unterstellen und nahezu alle ihre Souveränitätsrechte abgeben. Bis dahin gehörte  Gemmingen dem Ritterkanton Kraichgau an; erst seit 1806 ist es badisch. Die Herren von Gemmingen  verloren ihren Status der Reichsunmittelbarkeit und mussten die Oberhoheit des Großherzogs von Baden über  ihre seitherigen Gebiete anerkennen.  Die Reichsritterschaft war ein Zusammenschluss des überwiegend aus der Ministerialität  hervorgegangenen Adels in Süd- und Westdeutschland, der die alleinige, also unmittelbare  Unterordnung unter Kaiser und Reich bewahren konnte. Die Territorialstaatlichkeit ihrer  Mitglieder wurde 1559 vom Kaiser anerkannt. Die Reichsritter gehörten dem niederen Adel  an und hatten auf den Reichstagen weder Sitz noch Stimme. Um ihre gemeinsamen  Interessen besser vertreten zu können, schlossen sich die Kraichgauer Ritterfamilien im  ‘Ritterkanton Kraichgau’ zusammen. Zu Landesfürsten wie dem Kurfürsten von der Pfalz,  dem Markgrafen von Baden oder dem Herzog von Württemberg standen sie in vielfältigen  Lehns- und Dienstbeziehungen. Mitgliedern der Reichsritterschaft gelang sogar der Aufstieg  in höchste Ämter. Uriel von Gemmingen (1468-1514) wurde 1508 zum Erzbischof von Mainz gewählt. Damit  war er Reichsfürst und zugleich einer der sieben Kurfürsten, die den König wählen durften. Darüber hinaus war  das Amt des Mainzer Erzbischofs verbunden mit dem des Reichs-Erzkanzlers; Uriel von Gemmingen war so  nach dem Kaiser zweiter Mann im Staat.  (Unteres) Schloss in Gemmingen mit 'Hexenturm' ca. 1960 Uriel von Gemmingen, Erzbischof des Erzbistums Mainz 1508-1514 Lage der Gemminger Schlösser